19 Jan 2016

Legionellen: Vermehrung auch bei höheren Temperaturen!

Legionellen vermehren sich noch bei Temperaturen zwischen 50 und 60 °C. Die bisher empfohlene Warmwasserumlauftemperatur von mind. 55 °C ist daher vermutlich zu gering, um Legionellenwachstum wirkungsvoll zu verhindern.

19 Jan 2016

Legionellen als wasserliebende Bakterien kommen in zahlreichen Lebensräumen in unserer Umwelt vor. Dem Menschen begegnen sie oft in den Rohrleitungssystemen für Trinkwasser in Wohngebäuden und Gewerbeimmobilien. Bisher ging man davon aus, dass sie sich in einem Temperaturbereich von ca. 25-50 °C besonders wohl fühlen, und sich bei Temperaturen von 42-45 °C besonders gut und schnell vermehren.

Biofilmbildung durch Legionellen

Epifluoreszenzmikroskopische Aufnahme von einem Biofilm von Legionella pneumophila (grün, Immunfluoreszenzfärbung) mit anderen Wasserbakterien (blau). (Bild: HZI/ AG Höfle/Elisa Andreozzi)

Doch nun haben Untersuchungen am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig gezeigt, dass die für den Menschen besonders beim Einatmen als Aerosol schädlichen Legionellen sich auch noch bei deutlich höheren Temperaturen stark vermehren können.

Bisher 55 °C als ausreichend zur Reduzierung von Legionellen angesehen

Dieses Temperaturverhalten wird erhebliche Auswirkungen auf die bisher nach Empfehlungen der Fachverbände beschrittenen Wege zur Beseitigung bzw. Reduzierung von Legionellen haben. Bisher ging man nach den vorliegenden Informationen und Erkenntnissen davon aus, dass das Wachstum von Legionellen bei Temperaturen deutlich oberhalb von 50 °C weitestgehend zum Stillstand kommt und bei diesen Temperaturen bereits der Abtötungsprozess beginnt. Daher wurde bisher von Fachverbänden wie beispielsweise dem DVGW als allgemein anerkannte Regel der Technik eine Temperatur von mind. 55 °C (gemessen am Boilereingang, also dem Rücklauf eines Warmwassersystems) als ausreichend betrachtet, um die Besiedelung eines Trinkwassersystems mit Legionellen weitestgehend zu verhindern.

Thermische Desinfektion als Erstmaßnahme zur Beseitigung von Legionellen kaum hilfreich

Als erste Maßnahme zur Reduzierung der Zahl vorhandener Legionellen (die z.B. bei einer gemäß den Vorgaben der Trinkwasserverordnung (TrinkwV) durchgeführten Trinkwasseruntersuchung in Mietwohnungen, Eigentumswohnungen, Gewerbeimmobilien oder Sporthallen gefunden wurden) wird heute noch von vielen SHK-Fachbetrieben wie auch von Fachverbänden und -vereinigungen die sogenannte „thermische Desinfektion“ vorgeschlagen und durchgeführt. Dabei muss die Temperatur im Warmwassersystem eines Gebäudes drastisch erhöht werden, um durch diese hohe Temperatur eine Zerstörung des Legionellenbefalls zu erreichen. Und zwar sollen bei einer ordnungsgemäß durchgeführten thermischen Desinfektion 70 °C an jeder Warmwasserabnahmestelle für 3 min erreicht werden.

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

(Video: YouTube, Standard-Lizenz)

Man kann sich vorstellen, dass dies, besonders bei den am weitesten vom Warmwasserboiler entfernten Abnahmestellen, aufgrund eines besonders bei großen Wohnimmobilien weitverzweigten Rohrleitungsnetzes und entsprechenden Wärmeverlusten sehr schwierig wird. Zumal eine solche thermische Desinfektion so durchgeführt werden muss, dass ALLE Abnahmestellen durch Heißwasser in einem Ablauf gemeinsam „desinfiziert“ werden.

Vermehrung von Legionellen auch noch bei 50 bis 60 °C

Die nun vorliegenden neuen Erkenntnisse einer kürzlich veröffentlichten Studie zeigen nun, dass sich Legionellen auch noch bei Temperaturen zwischen 50 und 60 °C vermehren können; die Wissenschaftler hatten im Rahmen der Studie die Legionellen-Population im Trinkwasser auf dem gesamten Weg von den natürlichen Reservoiren (z.B. Stauseen) über Trinkwasserspeicher und -leitungen bis hin zum Wasserhahn näher untersucht. Mit molekularbiologischen Methoden stellten sie fest: im heißen Leitungswasser kommen deutlich mehr Legionellen vor als im kalten Wasser (Originalpublikation: R.Lesnik, I. Brettar & M.G. Höfle 2015: Legionella species diversity and dynamics from surface reservoir to tap water: from cold adaptation to thermophily. The ISME (International Society for Microbial Ecology) Journal (2015), 1–17). Auch wenn sich eine mögliche zusätzliche Gefährdung für den Menschen aus den Befunden nach dem gegenwärtigen Erkenntnisstand nicht ableiten lässt, leitet Prof. Manfred Höfle, Leiter der Arbeitsgruppe „Mikrobielle Diagnostik“ am HZI, als wichtigste Erkenntnis im Rahmen der Auswertung der Studie ab, das Verständnis der Ökologie dieser Bakterien in unseren Warmwassersystemen noch deutlich zu verbessern, um der Gefährdung durch Legionellen langfristig wirksam begegnen zu können (beispielsweise detaiilierte Untersuchungen zur Biofilmbildung und -wachstum). Welche Konsequenzen sich aus den nun gefundenen Ergebnissen für das Management von Heißwassersystemen, Klimaanlagen und Kühltürmen ergeben, sollte nach Einschätzung der Forscher durch weiterführende Studien geklärt werden.

Legionellen verursachen beim Einatmen als Aerosol schwere Lungenerkrankungen

Legionellen am Beispiel Legionella pneumophila

Foto: Wikipedia / CDC Public Health Image Library, public domain

Legionella pneumophila verursacht in Europa Schätzungen zufolge jedes Jahr etwa 100.000 Fälle von schweren Lungenentzündungen. Die „Legionärskrankheit“ oder auch Legionellose tritt oft gehäuft in Form von Ausbrüchen auf, die viele Menschen erfassen. Bekannt geworden sind in Deutschland in jüngster Zeit beispielsweise die Ausbrüche in Ulm, Warstein und Jülich. In allen Fällen hatten die erkrankten Personen eine hohe Legionellenkonzentration in Form eines lungengängigen Aerosols (Tröpfchengröße < 5 µm) aufgenommen, und die Legionellen hatten sich dann in der Lunge vermehrt und zu teilweise massiven Gesundheitsbeeinträchtigungen geführt (bei allen genannten Ausbrüchen der Legionärskrankheit kam es zu mehreren Todesfällen).

Als Konsequenz aus den neuen vorliegenden Erkenntnissen zum Vermehrungsverhalten von Legionellen sollten die aktuellen technischen Empfehlungen zur mind. einzuhaltenden Warmwasserumlauftemperatur sowie die Empfehlung zur Durchführung einer thermischen Desinfektion als Erstmaßnahme zur Legionellenbeseitigung kritisch hinterfragt werden.

Für weitere Fragen rund um Hygiene und Gesundheit im Trinkwasser, nutzen Sie unsere Sach- und Fachkompetenz als Technische Beratung in diesem Bereich. Als Kompetenznetzwerk mit einem breiten Erfahrungsschatz bieten wir Ihnen praktikable, sinnvolle und bezahlbare Lösungen für Ihre Fragen und Unsicherheiten in der Trinkwasserhygiene. Gerne beraten wir Sie in einem ersten Gespräch kostenfrei und unverbindlich; nutzen Sie für Ihre Anfrage das Kontaktformular der Web-Site.

Gefallen Ihnen die Themen dieser Web-Site und meine Blog-Beiträge?
Dann teilen Sie sie gerne in Ihrem Netzwerk per Facebook, Twitter oder Google+.
Um keinen Beitrag zu verpassen, können Sie die News hier abonnieren:
Blog-Beiträge Dr. Matthias Brück

Kommentar hinterlassen
Weitere Beiträge
Kommentare
Kommentar

Kommentar verfassen

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.
blogwolke.de - Das Blog-Verzeichnis
%d Bloggern gefällt das:

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu, Diese sind für den Betrieb dieser Seite notwendig. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen