05 Apr 2016

Legionelleninfektionen in Rückkühlwerken – Gruß aus Bremen!

Im Februar und März 2016 beschäftigt eine Welle von Legionellenerkrankungen die Behörden in Bremen. Vermutlich sind verkeimte Nassrückkühlwerke die Ursache für die Infektionswelle; Betreiber sind bei Androhung hoher Bußgelder aufgefordert, ihre Anlagen zu melden

05 Apr 2016

In der Zeit zwischen Mitte Februar und Anfang März 2016 wurden den Gesundheitsbehörden in Bremen 17 Fälle von schweren Legionellenerkrankungen gemeldet, zwei Patienten sind bereits verstorben. Können Sie sich vorstellen, dass Ihre Kühl- und Kälteanlagen Menschen töten können? Und vor allem: dass Sie als Betreiber solcher Anlagen zur Haftung gezogen werden können?

Legionelleninfektion in Bremen – Rückkühlwerke als Ursache?

Rückkühlwerke, Kühltürme in Braunkohlekraftwerk

Foto: pixabay / public domain

Die erkrankten Personen in Bremen sind in verschiedenen Kliniken und Krankenhäusern zur Behandlung und zur Beobachtung. Was ist die Ursache für diese umfangreiche Erkrankungswelle? – darüber rätseln die Behörden noch. Ursachenforschung und Befragungen der Patienten sind in vollem Gange, denn natürlich soll die Quelle der Erkrankung schnellst möglich ermittelt und „stillgelegt“ werden. Aufgrund der sehr unterschiedlichen Bewegungs- und Aufenthaltsprofile der erkrankten Personen vermuten Gesundheitsamt und Gewerbeaufsichtsamt, dass es sich bei dieser Krankheitsquelle um eine Rückkühlanlage handeln könnte, bei der mit Legionellen belasteter Wasserdampf  als Aerosol in die Umgebung abgegeben wird und an der die erkrankten Personen einmal oder auch mehrmals vorbeigekommen sind. Daher wird aktuell mit großem Aufwand nach solchen möglichen Auslösern der Erkrankungsfälle gefahndet; die Betreiber entsprechender Anlagen wurden mehrfach bei Androhung hoher Bußgelder (bis zu 50.000 EUR) aufgefordert, den Behörden den Betrieb solcher Anlagen umgehend zu melden.

Kühlturm: ob groß, ob mittel oder klein – hygienisch sauber muss er sein!

Legionellen-Infektion im Kühlwasser – ein Problem, das leider immer öfter in Erscheinung tritt; die Fälle von Ulm, Warstein und Jülich in der jüngeren Vergangenheit sind vielen noch in (schlechter!) Erinnerung, denn auch hier gab es eine Vielzahl von Erkrankungen und auch eine hohe Anzahl von Todesfällen. Obwohl die Presse über diese Fälle häufig sehr ausführlich berichtete, handeln viele Betreiber von wasserbetriebenen Kühlanlagen und -türmen noch immer nach dem berühmten und bekannten „Prinzip der 3 Affen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“.

Nichts sehen, nichts hören, nicht sprechen

Foto: pixabay / CC0

Dabei sollte es sich inzwischen herumgesprochen haben, dass der Gesetzgeber aufgrund der Vielzahl solcher Vorfälle mit Wirkung vom 01.01.2015 eine neue technische Richtlinie herausgegeben hat, auf deren Basis die Hygiene in sog. Nass-Rückkühlwerken regelmäßig zu prüfen ist (VDI 2047 Blatt 2, auch VDI 2047-2 abgekürzt).

Legionellenbelastetes Aerosol aus Kühltürmen häufig Krankheitsauslöser

Was ist die Ursache für die Hygieneprobleme in wasserbetriebenen Kühlanlagen und -türmen? Wie beispielsweise hier beschrieben bedingt das Funktionsprinzip eines wasserbetriebenen Kühlturms, dass zur Verdampfung größerer Mengen an Wasser und der damit angestrebten Kühlwirkung große Mengen Luft durch diesen „Wassernebel“ gesaugt werden müssen (Verhältnis Luft zu Wasser ca. 1.000:1).

Umlaufkühlung

Umlaufkühlung, schematisch, Foto: Wikipedia / publ. domain, CC 3.0

Dabei können sich durch das Einblasen der Luft in dieser Luft enthaltene Bakterien im Kühlwasser stark anreichern. Finden diese dann im Kühlwasser geeignete Überlebens- und Vermehrungsbedingungen (z.B. ein gutes Nahrungsangebot aufgrund des aus der Luft eingespülten organischen Schmutzes sowie günstige Temperaturbedingungen zwischen 35 und ca. 45 °C), können sie sich im Kühlwasser explosionsartig vermehren.

Da im Verlauf des Kühlvorgangs immer auch merkliche Mengen an Wasserdampf als Aerosol aus dem Kühlturm bzw. dem Kühlsystem ausgetragen werden, ist der Ärger vorprogrammiert: atmen Menschen in der Umgebung des Kühlturms das bakteriell belastete Aerosol ein, können schwere, teils lebensbedrohliche bakterielle Infektionen in der Lunge der betroffenen Personen auftreten; man spricht hier von einer Legionellose (auch „Legionärs-Krankheit“ genannt – nach dem ersten beobachteten Auftreten dieser Krankheit 1976 nach einem Treffen der US-Kriegsveteranenvereinigung American Legion in einem Hotel in Philadelphia). Der Verlauf dieser Tröpfcheninfektion der Lunge kann sehr schwerwiegend sein; betroffene Erkrankte müssen häufig ein Leben lang mit irreparablen Schädigungen der Lunge leben.

Regelmäßige Hygieneprüfung für ordnungsgemäßen Betrieb von Rückkühlanlagen erforderlich

Agar-Nährboden

Foto: pixabay / CC0

Dabei lässt sich das Problem einer Verkeimung im Kühlwasser mit regelmäßigen Hygieneprüfungen im Kühlwasser durchaus schnell und mit vertretbaren Kosten in den Griff bekommen. Zeigen die durchgeführten Hygieneprüfungen einen bakteriellen Befall, kann mit einer geeigneten Kühlwasserbehandlung wirkungsvoll gegengesteuert und die bakterielle Infektion beseitigt werden; entweder durch eine rein „mechanische Reinigung“ des Kühlsystems (z.B. Luft-Wasser-Impulsspülverfahren) oder auch durch eine chemische Desinfektion (Einsatz geeigneter Biozide), bzw. durch eine Kombination von beiden Verfahren.

Neue Bundesimmissionschutzverordnung (BImSchV) in Vorbereitung

All dies ist technisch und auch medizinisch bereits seit mehr als 30 Jahren bekannt. Nun ist für die Gesundheits- und Aufsichtsbehörden offenbar der Zeitpunkt gekommen, ernsthaft zu handeln. Der Inkraftsetzung der VDI-Richtlinie 2047-2 zum 01.01.2015 wird voraussichtlich noch in 2016 die 42. Bundesimmissionschutzverordnung (BImSchV) als gesetzliche Grundlage für die angemessene Durchsetzung der allgemein anerkannten Regeln der Technik im Bereich der Nassrückkühlwerke folgen; seit Ende Januar 2016 liegt der Referentenentwurf zu dieser Verordnung vor und wurde den betroffenen Fachkreisen zur Anhörung, zur Kenntnis und zwecks Kommentierung weitergeleitet. Aufgrund der neuerlichen Vorfälle in Bremen ist zu erwarten, dass eine Validierung des Inhalts möglichst ohne Zeitverzug angestrebt wird.

Noch offen ist zur Zeit, mit welchen Zwangsmaßnahmen und Bußgeldern der Gesetzgeber die Nichteinhaltung der dann geltenden Verordnung umsetzen wird. Aber die in Bremen angedrohten Bußgelder in eine Höhe von bis zu EUR 50.000 geben schon einmal die zu erwartende Richtung vor …

Aktualisierung 20.04.2016:

Nachdem seit mehr als 1 Monat keine neuen Legionelleninfektionen in Bremen mehr aufgetreten sind, haben die Aufsichts- und Gesundheitsbehörden in Bremen den Legionellenausbruch für beendet erklärt. Leider ist die Ursache noch immer nicht ermittelt. Solange sich an den Hygieneprüfungen der wasserbetriebenen Kühltürme und Kühlkreisläufe nichts ändert, werden wir also geduldig warten, bis der nächste Legionellenausbruch wieder ein paar Unschuldige und Unbeteiligte treffen wird – und die Behörden werden wieder hektisch herumrudern, ohne wirklich etwas ausrichten zu können; in Anlehnung an die alte Weisheit: „Heiliger St. Florian, verschon‘ mein Werk, fall andere an …“

Für weitere Fragen und Informationen zu dem Themenkomplex „Hygiene in Nassrückkühlwerken und Kühltürmen / VDI 2047-2“ sowie zu den Themenbereichen Trinkwasserqualität und -hygiene und Prozesswasserbehandlung nutzen Sie unsere Kompetenz als Technische Beratung für diese Arbeitsgebiete. Als Kompetenznetzwerk mit einem breiten Erfahrungsschatz bieten wir Ihnen praktikable, sinnvolle und bezahlbare Lösungen für Ihre Fragen und Unsicherheiten zu  Hygiene und Gesundheit in Wasser, Luft und Boden, im privaten Umfeld wie auch an Ihrem Arbeitsplatz. Gerne beraten wir Sie in einem ersten Gespräch kostenfrei und unverbindlich; nutzen Sie für Ihre Anfrage das Kontaktformular der Web-Site.

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