02 Okt 2018

Mikroplastik in Wasserkörpern und in der Nahrungskette

Mikroplastik – kein ausschließlich „marines Problem“ (durch Eintrag und Abbau von Plastikmüll in Flüsse, Seen und Meere), sondern ein globales Problem für die Nahrungskette

02 Okt 2018

Seit 1950 wurden weltweit ca. 8,3 Mrd. Tonnen Kunststoffe produziert. Bei allen Vorteilen, die diese Substanzklasse aufgrund zahlreicher interessanter und hilfreicher Eigenschaften innehat: Millionen von Tonnen an Plastikabfällen landen jährlich – wenn es gut geht – auf Deponien, viele Millionen Tonnen aber auch in unseren Flüssen und Seen und gelangen darüber in alle Weltmeere und damit auch an die entlegensten Orte der Welt, incl. der Antarktis.

Kunststoffe haben in den letzen 50 Jahren einen gewaltigen Siegeszug angetreten. Egal ob bei der Verpackung,

Kleid, Kunstfaser

Foto: pixabay, publ. dom. / CC 0

in der Bekleidungsindustrie oder im Automobilbau: aufgrund ihrer in vielerlei Hinsicht hervorragenden Eigenschaften haben sie sich zahllose Anwendungsbereiche und Marktsegmente erobert. Leider gehört zu ihren Eigenschaften auch eine besonders nachteilige: die meisten Kunststoffe sind künstlich hergestellte Polymere und als solche in der Natur kaum abbaubar. So benötigt beispielsweise eine einfache PET-Getränkeflasche (z.B. für Soft-Drinks wie Limonade, Cola, Fruchtsäfte oder ähnliche) geschätzt ca. 450 Jahre, bis sie im offenen Meer vollständig abgebaut ist.

Ähnlich problematisch sieht es bei den (noch) nahezu überall präsenten Plastiktüten und -taschen aus: allein in Deutschland werden jährlich ca. 6 Mrd. Plastiktüten verbraucht – und das leider sehr häufig mit sehr kurzen Gebrauchszeiten (z.B. vom Einkauf im Supermarkt ins Auto, dann ab nach Hause – und ab in die Mülltonne).

Grüne Bohnen in Plastiktüte

Foto: pixabay, publ. domain / CC 0

Sowohl hier als auch bei vielen anderen Verpackungsmaterialien sind die Recyclingquoten sehr niedrig (Europa 30%, China 25% und USA 9%, Plastikmüll Statistik 2017, weitere Zahlen und Statistiken hier).

Die Folge: der legal oder illegal in die Natur verbrachte Plastikmüll sammelt sich an. So gibt es aufgrund des stetigen Eintrags von Plastikmüll über unsere Binnengewässer in den Weltmeeren bereits 5 riesige Plastikmüllstrudel, deren Ausdehnung teilweise inzwischen viele Tausend Quadratkilometer beträgt:

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(Quelle: YouTube, Standard-Lizenz)

Durch mechanische Einwirkungen (Wind, Sand, Abrieb, …) wird dieser Plastikmüll immer kleinteiliger und verwandelt sich in sog. Mikroplastik (= Kunststoff-Teilchen mit einem Durchmesser unter 5 mm Größe) – damit wird der Plastikmüll zwar nahezu „unsichtbar“ (zumindest mit bloßem Auge), aber leider nicht ungefährlich(er). Dieses Mikroplastik entsteht jedoch nicht nur im Meer, sondern auch an Land; Beispiel Autoreifen: nach aktuellen Untersuchungen machen von den in Deutschland jährlich freigesetzten Mengen von ca. 330.000 Tonnen Mikroplastik alleine Autoreifenabrieb ca. 50 % aus.

Viele Quellen für die Entstehung von Mikroplastik

Auch beim Spülen von Plastik-Getränkeflaschen entstehen durch den mechanischen Abrieb merkliche Mengen an Mikroplastik, das nach der Reinigung in das Produkt (Getränk) gelangt. Eine weitere Quelle für die Entstehung von Mikroplastik sind beispielsweise unsere modernen Kleidungsstücke: hergestellt aus Kunstfasern (z.B. Polyester-Vlies)  entstehen sowohl beim Tragen als auch bei jedem Waschvorgang erhebliche Mengen an Mikroplastik, das von keinem Sieb zurückgehalten wird und so über das Abwasser in unsere Oberflächengewässer gelangt. Die vollständige Abtrennung dieses Mikroplastiks ist mit den aktuellen Abwassersystemen und Kläranlagen nicht möglich; daran wird aller Voraussicht nach auch die aktuell intensiv diskutierte 4. Reinigungsstufe nicht wirklich viel ändern.

Mikroplastik in vielen Convenience-Produkten des Alltags

Schließlich enthalten auch viele täglich von uns benutzte Produkte (Kosmetika, Zahncremes, Duschgels, Shampoos, …) schon vom Produktionsprozess her einen gewissen Anteil an mikroskopisch kleinen Plastikteilchen – als „Funktionsbausteine“ sozusagen; auch diese gelangen in das Abwasser. Während man bei neueren Untersuchungen in zahlreichen Oberflächengewässern bereits Mikroplastik nachweisen konnte, war die Suche in den meisten Grundwasservorkommen noch nicht erfolgreich. Aber aufgrund der geringen Größe der Partikel ist zu erwarten, dass auch das Grundwasser nicht mehr lange von diesen Verunreinigungen verschont bleiben wird; schließlich haben es diese Teilchen auch schon bis in mehrere Hundert Meter Wassertiefe in die Antarktis geschafft.

Damit steigt die Belastung unserer für die Trinkwassergewinnung so wichtigen Wasserkörper stetig an. Eine Entwicklung, der auch die EU-Kommission mit einer neu aufgelegten Trinkwasserrichtlinie (TWR) Rechnung trägt, deren Ziel u.a. die Reduzierung von Plastikmüll im Verpackungsmittel- und Getränkebereich ist. Viele Länder haben hier bereits vorab reagiert und Verbote für die Verwendung von Mikroplastik in verschiedenen Produkten erlassen (Beispiel Schweden: Verbot der Verwendung von Mikroplastik in Kosmetika zum 01. Juli 2018).

Seevögel und Plastikmüll: Verhungern mit vollem Bauch

Was macht den Plastikmüll so gefährlich?: am plastischsten erkennt man das an den zahlreichen Bildern von verhungerten Seevögeln, die zwar den Bauch voll haben, aber das verschluckte Plastik und Mikroplastik nicht verdauen können.

verhungerter Albatross, Plastik im Magen

Foto: Wikipedia / publ. dom. / CC 2.0 verhungerter Albatros, Plastik im Magen

 

Während man bisher annahm, dass marine Systeme am meisten vom Problem des Plastikmülls und anfallendem Mikroplastik betroffen seien, zeigen neuere Untersuchungen, dass es auch auf dem Trockenen an Land zu einer Anreicherung von Mikroplastik in der Nahrungskette kommt: in jeder Pfütze sammeln sich kleine Mengen an Mikroplastik, Mücken trinken das Wasser und nehmen das Mikroplastik auf, Vögel fressen Mücken, Raubvögel und Katzen fressen Vögel, …; inwieweit die Mücken bei einem Stich das Mikroplastik auch in fremdes Blut übertragen, ist dabei noch gar nicht klar … – keine Ende in Sicht!

Damit entsteht eine nicht zu unterschätzende Bedrohung aller Ökosysteme: aus den winzigen Partikeln werden im Lauf der Zeit nicht nur Inhaltsstoffe wie Phthalate und Bisphenol A freigesetzt (Weichmacher in Kunststoffen), die bei Wirbeltieren ebenso wie bei einigen Wirbellosen zu Störungen des Hormonsystems führen können. Inzwischen hat man nachweisen können, dass die kleinsten Mikroplastikpartikel, sog. Nanoplastik, auch die Blut-Hirn-Schranke, die das Gehirn vor Krankheitserregern oder Giften schützen soll, und die Plazenta überwinden können. Und zumindest bei Fischen konnte man bereits nachweisen, dass sich Nanoplastik nach Passieren der Blut-Hirn-Schranke verhaltensändernd auswirkt.

Allemal wird sich das Mikro- und Nanoplastik auch im menschlichen Körper anreichern, da biologische, körperinterne Abbauprozesse fehlen, mit bisher unbekannten Folgen für unsere Gesundheit.

Kunststoffe: Engel oder Teufel?

Was kann man tun, um das Plastikmüll-Problem langfristig in den Griff zu bekommen? Man sollte vorsichtig sein, Kunststoff und Plastikartikel grundsätzlich zu verdammen und die weitere Herstellung zu verbieten. Dafür hat diese Produktgruppe einfach zu viele Vorteile in vielen Anwendungsbereichen. Aber wir als Verbraucher haben es in der Hand, die verbrauchten Mengen an Plastik und Verpackungsmaterialien zu reduzieren: der Verzicht auf Plastiktüten beim Einkauf, der kritische Blick auf die allgegenwärtige „coffee-und-andere-Produkte-to-go“-Mentalität, der Besuch von „Unverpackt-Lebensmittelläden“ und die Verwendung von wiederbefüllbaren Gefäßen wo immer möglich wie auch der Verzicht auf Mineralwasser in Flaschen und die verstärkte Nutzung von Leitungswasser als Trinkwasserquelle sind nur einige wenige Beispiele  für sinnvolle und schnell umsetzbare Möglichkeiten der Reduzierung der Plastikmüllflut.

Müllvermeidung geht vor Müllentsorgung

Wenn immer mehr Verbraucher zu weniger verpackten Lebensmitteln oder Kleidung aus Naturfasern greifen und Produkte mit enthaltenem Mikroplastik vermeiden (entsprechende Handy-Apps zur Identifizierung solcher Produkte sind bereits verfügbar) werden die anbietenden Märkte dies registrieren und gemäß den Marktgesetzen darauf reagieren. Hier, wie auch in vielen anderen Bereichen, ist die macht des Einzelnen vielleicht nur gering, aber der tatsächliche Einfluss beruht auf dem Multiplikator der großen Zahl. Denn mittel. und langfristig ist die Vermeidung von unnötigen Verpackungen und schlecht / nicht zu recyclierendem Plastik der beste Weg.

Damit ist natürlich das Problem des schon vorhandenen Plastikmülls, z.B. im Meer, natürlich noch nicht gelöst. Auch mit diesem Problem befassen sich zur Zeit viele findige Köpfe. Ein interessanter Ansatz ist beispielsweise das „Ocean-Cleanup-Projekt“ das im Sommer 2018 startete:

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(Quelle: YouTube / Standard-Lizenz)

Ein interessanter und spannender Versuch, die Meeresoberflächen von schwimmendem Plastikmüll zu befreien – eine Sisyphusarbeit, aber mit Enthusiasmus, geeigneter Ausrüstung und einem passenden Geschäftsmodell stehen die Voraussetzungen nicht schlecht …

 

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Blog-Beiträge Dr. Matthias Brück

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