20 Feb 2018

Neue EU-Trinkwasserrichtlinie steht vor der Tür

EU-Kommission stellt Entwurf der neuen EU-Trinkwasserrichtlinie vor. Ziele sind u.a. Müllvermeidung und die stärkere Nutzung von Leitungswasser

20 Feb 2018

Die EU-Trinkwasserrichtlinie (TWR) 98/83/EG vom 03.11.1998 ist inzwischen schon ziemlich in die Jahre gekommen und spiegelt nach Meinung der Experten nicht mehr den Stand der Technik im Hinblick auf den Schutz des Trinkwassers in den Ländern der EU wider.

Trinkwasser

Foto: public domain

Das ursprüngliche Ziel, die Einhaltung der Qualität des Trinkwassers auf EU-Ebene mit der Vorgabe der wesentlichen Qualitätsstandards für die Überwachungsprogramme in den einzelnen Ländern sicherzustellen, hat die TWR zwar erreicht, doch die in der Richtlinie festgelegten Standards und Qualitätsparameter entsprechen im Hinblick auf mikrobiologische und chemische Parameter, niedergelegt im Anhang I der Richtlinie, nicht mehr dem Stand der Zeit. Auch die Kohärenz der TWR mit den Zielen der Wasserrahmenrichtlinie, z.B. dem Schutz der Gewässer als wichtige Ressourcen zur Entnahme des Trinkwassers, ist nach Einschätzung der Experten nicht gegeben.

Schließlich gibt es auch merkliche Unterschiede zu den bisher der Richtlinie zugrunde gelegten Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO): die WHO-Leitlinien beinhalten keine Normen für Pestizide, während die EU-Richtlinie hier ein besonderes Augenmerk auf diese in der Landwirtschaft breit gefächert genutzten Hilfsstoffe und deren Abbauprodukte, und damit den Einfluss auf die Trinkwasserqualität richtet. Auch hier bedarf es einer Aktualisierung der im Anhang I genannten Wirkstoffe, da sich die Zusammensetzung der Rezepturen und die chemische Natur der verwendeten Wirkstoffe in den letzten 20 Jahren in aller Regel verändert haben.

Der nun von der EU-Kommission vorgelegte Revisionsentwurf zur Aktualisierung der Richtlinie zielt auf die Etablierung eines risikobasierten Managements entlang der gesamten Trinkwasserversorgungskette ab (neuer Artikel 7) – vom Wasserversorger bis zur Risikobewertung von Hausinstallationen.

Altes Wasserwerk

Foto: pixabay / publ. domain

Insbesondere der neue Artikel 10 „Risikobewertung von Hausinstallationen“ trägt dem Umstand Rechnung, dass die Sicherstellung der Trinkwasserhygiene in Hausinstallationen / Gebäuden sich häufig aufgrund unwissentlich unsachgemäßer Nutzung („nicht-bestimmungsgemäßer Gebrauch“) erheblich viel schwieriger gestaltet als in öffentlichen Versorgungsnetzen, wo Versorger aufgrund der öffentlichen Wahrnehmung  mit entsprechender Sensibilität und Zugriff auf moderne Methoden der Trinkwasser-Analytik die Wasserqualität regelmäßig prüfen und der Zugriff der Überwachungsbehörden in aller Regel sichergestellt ist.

Außerdem ist in privaten und / oder gewerblichen Hausinstallationen die Tendenz groß, aus Kostengründen auf Installationsmaterialien und Armaturen zu möglichst günstigen Preisen zurückzugreifen – häufig genug Billig-Importe, bei denen die verwendeten Werkstoffe auf eine Langzeiteignung für die Nutzung im Trinkwasserbereich nicht geprüft bzw. von deutschen Fachgremien nicht freigegeben sind (Dieser neue Artikel verpflichtet zur Bewertung der Risiken im Zusammenhang mit Hausinstallationen und betrifft insbesondere: – die Bewertung der mit dem Zustand von Hausinstallationen verbundenen Risiken, einschließlich solcher im Zusammenhang mit Produkten und Materialien, die mit Trinkwasser in Berührung kommen …“).

Vor dem Hintergrund der allerersten europäischen Bürgerinitiative „Recht auf Wasser“ (Right2Water)

Zugang zu Trinkwasser für alle

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fordert die Kommission mit dem neu aufgenommenen Artikel 13 („Zugang zu Wasser für den menschlichen Gebrauch„) die Mitgliedstaaten auf, „alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um allen Bürgerinnen und Bürgern einen Mindestzugang zu Wasser zu sichern“, eine Forderung, die in vollem Einklang mit der Agenda 2030 und insbesondere mit dem Ziel 6 für nachhaltige Entwicklung sowie dem damit zusammenhängenden Einzelziel, „allgemeinen und gerechten Zugang zu einwandfreiem und bezahlbarem Trinkwasser für alle zu erreichen “, aus dem Jahr 2015 steht.

Die nun vorliegende Überarbeitung der TWR ist Teil des Plans zur Förderung des Übergangs zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft. So folgt der Textentwurf einer Strategie, Einwegverpackungen für Wasser möglichst zu vermeiden und stellt eine umfassendere Nutzung von Leitungswasser in den Vordergrund („ … Förderung der Nutzung von Leitungswasser in öffentlichen Gebäuden und Restaurants, Gewährleistung, dass in den meisten Städten frei zugängliche Trinkwasseranlagen (Leitungswasser) zur Verfügung stehen usw.“). Erklärtes Ziel ist damit u.a. eine Reduzierung des mehr und mehr in den Fokus der Überwachung rückenden Mikroplastiks, u.a. als Rückstand und Abbauprodukt solcher Verpackungen, aber häufig auch schon ein Problem während des Gebrauchs, beispielsweise bei Mineralwasserflaschen; dessen besorgniserregende Akkumulierung in Meeren und Süsswasservorkommen und damit auch in der menschlichen Nahrungskette stellt aus Sicht der Kommission ein noch nicht zu bewertendes Gesundheitsrisiko dar.

Als weitere Überwachungsparameter wurden unter Berücksichtigung des Vorsorgeprinzips auf Empfehlung der WHO einige Substanzen aus der Gruppe von Chemikalien mit endokriner Wirkung aufgenommen (Vorsorgerichtwerte z.B. für ß-Östradiol, Nonylphenol sowie Bisphenol A). Auch Chlorat und Chlorit als Nebenprodukte der in vielen Fällen noch üblichen Desinfektion mit Hypochlorit sollen nach dem Willen der Kommission einen Überwachungs-Grenzwert erhalten, ebenso einige perfluorierte Verbindungen

Teflon®-beschichtete Pfanne, POP-Quelle

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(sog. „POPs“ = persistent organic pollutants, mögliche Trinkwasser-Kontamination z.B. durch Zersetzung von Feuerlöschschäumen), die als persistente, bioakkumulierbare und toxische Stoffe mehr und mehr auch im Trinkwasser auftauchen; viele Haushaltsgegenstände sind mit entsprechenden Stoffen beschichtet (Teflon-beschichtete Pfannen und Kochtöpfe, Back- bzw. Pergamentpapier, Pizzagrills, wasserdichte und schmutzabweisende Freizeitsportausrüstungen) und geben diese Schadstoffe im Laufe ihres Gebrauchs durch Wasserkontakt an das Abwasser und damit in den Trinkwasserkreislauf ab.

Im Gegensatz zur Empfehlung der WHO sollen nach dem Willen der EU-Kommission aus gesundheitlichen Gründen die Stoffe Benzol, Cyanid, 1,2-Dichlorethan, Quecksilber sowie die polyzyklischen Kohlenwasserstoffe (PAH) in der Überwachung verbleiben. Aufgrund neuer gesundheitlich begründeter Leitwerte sollen die Grenzwerte für Antimon, Bor und Selen angehoben werden.

Schließlich sollen mit der aktualisierten EU-TWR die Grenzwerte für die Schwermetalle Blei (noch teilweise im Gebrauch für Trinkwasserinstallationen in älteren Gebäuden) und Chrom (insbesondere Chrom (VI) zeigt nachgewiesenermaßen toxische und cancerogene Wirkung) zunächst beibehalten, aber durch weitergehende Beobachtung neu bewertet bzw. ggf. in Zukunft angepasst werden (beispielsweise für Blei 10 Jahre nach Umsetzung der Richtlinie von 10 µg/l auf dann nur noch 5 µg/l).

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